Am Rand eines Dorfes, zwischen Wald und Tal, steht das erste in der Schweiz realisierte Gebäude von Estudio KMMK. Das Winkelhaus ist kein Solitär, der sich in den Vordergrund drängt. Es ist ein präzise gesetzter Baukörper im Gelände. Geformt aus der Landschaft, gedacht aus Verantwortung, gebaut aus Beton, Licht und Zeit.
Es beginnt mit einem Blick. Mit dem dichten Grün des Waldrands. Mit der Weite des Tals, das sich unterhalb öffnet. Als die ArchitektInnen von Estudio KMMK das Grundstück zum ersten Mal betreten, spüren sie die Spannung von Nähe und Ferne, Schutz und Aussicht sofort. Ihr Entwurf antwortet mit einer Bewegung: Sie formen den Baukörper mit einer sanften Biegung. Das Gebäude wendet sich dem Wald zu und zugleich dem Panorama. Diese doppelte Ausrichtung prägt den Grundriss. Alle Räume öffnen sich zur Landschaft. Fenster sind hier keine Einschnitte in einer Fassade, sondern präzise gesetzte Öffnungen. Sie rahmen Ausblicke, lenken das Licht, machen Jahreszeiten sichtbar.
Gleichzeitig bleibt das Haus zurückhaltend. Es liegt tief im Gelände. Die Sichtlinien der Nachbargebäude auf das Tal bleiben unangetastet. Der Grenzabstand ist grosszügiger als gefordert: Rücksicht wird zur planerischen Kategorie. In einem engen Korsett aus Bauvorschriften entsteht so eine Form, die aus Notwendigkeiten entwickelt ist. Jede Linie folgt einer Funktion. Konstruktiv zeigt sich diese Klarheit im Stahlbeton Skelettbau. Die Hülle aus Sichtbeton wirkt selbstverständlich. Um die rohe Präsenz im Aussenraum zu bewahren und dennoch energetische Anforderungen zu erfüllen, liegt die Dämmung innen. Eine zusätzliche Installationsebene, abgeschlossen mit einer hochwertigen Echtholzverkleidung, bringt eine zweite Materialität ins Spiel. Drinnen trifft warmes Holz auf kühlen Beton.
Die auskragende Betonplatte wird von V-förmigen Stützen getragen, die sichtbar machen, wie Kräfte fliessen. Schlanke Stahlstützen ergänzen das System in der Fensterebene. In die Pfosten-Riegel-Konstruktion integriert, treten sie optisch zurück.
Vorgefundenes, das bleibt
Auch im Aussenraum setzt sich die Auseinandersetzung mit dem Ort fort. Strukturierte Bronzefenster reagieren sensibel auf das Tageslicht. Ihre Töne changieren zwischen Gold und Braun und greifen die Farben des Waldes auf. Handbearbeitete Steinplatten zitieren römische Ruinen der Region. Geschichte wird nicht inszeniert, sondern als Material weitergedacht. Der Garten bildet keinen harten Kontrast, sondern einen Übergang. Die Grenzen zwischen gestalteter Anlage und gewachsenem Wald bleiben fliessend. Jeder Stein, der auf dem Grundstück lag, wird wiederverwendet. Stampfbetonmauern ziehen eine klare Linie im Hang und markieren den Horizont zum Wald. Eine organische Kante aus Natursteinen vermittelt zum benachbarten Landwirtschaftsfeld. Das Vorgefundene bleibt präsent.
Konstruktive Nachhaltigkeit
Innen setzt sich die Reduktion fort: Ein fugenloser weisser Boden, weiss lasierte Fichte, verputzte Wände, Betondecken. Die Räume wirken ruhig und hell. Nichts lenkt vom Wesentlichen ab. Das Panorama übernimmt die Hauptrolle. Architektur wird zum Rahmen für Landschaft. Dem Entwurf ging eine intensive Analyse voraus. Das Dorf, seine Geschichte, die Typologien der Umgebung wurden untersucht. Vom Mehrfamilienhaus bis zum Doppel-Einfamilienhaus reichten die Studien. Erst in einem iterativen Prozess verdichtete sich die Lösung, die sowohl auf die Bedürfnisse der Familie als auch auf die Topografie reagiert.
Auch energetisch folgt das Haus einer klaren Logik. Geothermie und Photovoltaik sichern die Versorgung aus eigenen Ressourcen. Die teilweise Einbettung ins Erdreich nutzt die Speichermasse des Bodens. Ein Smart Home System steuert Verbrauch und Komfort. Nachhaltigkeit wird nicht behauptet, sondern konstruktiv umgesetzt.
Gedruckte Gartenküche
Ein besonderes Element steht im Garten. Eine skulpturale Einheit aus Aussenküche, Grill und Dusche. Sie basiert auf einer 3D-gedruckten Schalungstechnologie, entwickelt im Rahmen einer PhD Forschung am DBT Digital Building Technologies der ETH Zürich. Gemeinsam mit dem ETH Spin off SAEKI wird diese Technologie hier erstmals in ein dauerhaftes Bauwerk überführt. Ausgangspunkt waren handgeformte Tonmodelle. Ihre organische Gestalt wurde per 3D Scanning digitalisiert und robotisch reproduziert.
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Text: PD, Kirsten Höttermann, Fotos: Alexander Arregui Leszcz, ARCHIBATCH Architekturfotografie